So bunt ist Berlin
Schaut auf diese Stadt
Sie schütten Farbe auf die Straße und bauen nachts rosa Spielplätze: Streetartists fragen nicht um Erlaubnis. PRINZ machte einen Rundgang durch Berlin - Deutschlands größte Galerie.
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Sascha Polzin Kostenlos und draußen
Oft zerstören sie deren Werke beim Versuch, sie mitzunehmen. Manches Schablonenbild von Streetart-Veteran Banksy wurde schon aus Hausfassaden gefräst, den Emess-Spielplatz transportierte eine Sammlerin per Lkw in ihr Büro, und von mindestens einem Korkmenschen sind nur noch die Beine übrig - der Sammler scheiterte am Sekundenkleber. "Wenn jeder sich ein Blümchen pflückt, ist irgendwann die Wiese leer", schimpft Galerist Marc. Und Bloggerin Caro sagt: "Damit verliert Streetart ihren Sinn als Kunstform, die draußen kostenlos für alle da ist." Die einen schützen ihre Werke dagegen, indem sie sie möglichst unzugänglich machen. Andere, wie Mentalgassi, ein Freundeskreis aus Berlin, rechnen von vornherein nur mit einer kurzen Lebensdauer ihrer Werke. Kern von Mentalgassi sind drei Künstler, Ende Zwanzig, allesamt "im Grafikbereich unterwegs". Sie heißen so, weil sie früher die besten Einfälle hatten, wenn sie mit dem WGHund Gassi gingen. Das muss reichen als Info, man will kein Brimborium um die eigene Person machen. Was zähle, sei das Werk, und selbst das dokumentieren sie nicht komplett. "Wenn uns etwas nicht gefällt, muss es auch keiner sehen." Mentalgassi machen "urbanes Entertainment". Sie verwandeln Telefonzellen in Duschkabinen - komplett mit Vorhang und Seifenschale - und U-Bahnen in Wohnzimmer, indem sie dort Teppiche aus dem Baumarkt auslegen und einen Blumenkasten samt Sonnenblumen an die Scheibe pappen. Die Dusche hielt 20 Minuten. "Ist doch schön, wenn sich jemand über einen neuen Duschvorhang freuen konnte."
Mentalgassi Mit einer anderen Spielerei haben Mentalgassi jetzt sogar kommerziellen Erfolg. Monatelang machten sie aus Glascontainern Köpfe, indem sie diese rundherum mit einem 3DFoto beklebten. Das klingt einfach, ist aber eine furchtbare Frickelarbeit, ein Kleben, Knicken und Falten in einer Hinterhofscheune, in der ein Spezialdrucker 90 Zentimeter breite Papierbahnen ausspuckt. "Das ist, als würde man einen Fußball erst bedrucken und danach zusammennähen." Auch Zäune sind vor ihren Köpfen nicht sicher. Der Polizei fielen die Jungs nicht auf - der PR-Abteilung von Converse schon. Der Turnschuh-Hersteller fragte an, ob Mentalgassi für eine Werbeaktion Bilder kleben wollten. Anfangs war ihnen mulmig bei dem Gedanken, kommerziell zu arbeiten und plötzlich Geld zu verdienen mit dem, was bis dahin eigentlich nur ein Freizeitvergnügen war. "Wir haben ein Wochenende intensiv diskutiert", danach sagten sie zu. Andere Streetartists verdienen ein paar Euro mit Auftragsarbeiten oder mit Werken, die sie über Galerien wie Marcs ATM verkaufen - aber nicht alle wollen das. Vielen ist es Lohn genug, wenn ihre Plakate und Figuren überhaupt gesehen werden. "Aufmerksamkeit musst du dir erarbeiten", sagt Emess. "Die kriegst du nicht geschenkt."
Unser Autor Daniel Kastner, 31, hat als Kind gern Kastanienmännchen gebastelt und in der Schule Cartoons gekritzelt. Jetzt denkt er ernsthaft darüber nach, seine Werke in Berlins Straßen zu verteilen.



