As I Am (Soul/R'n'B)
ALICIA KEYS
Alicia Keys zementiert mit ihrem neuen Album "As I Am" ihre Sonderstellung als wahre Musikerin unter zahlreichen Pop- und R&B-Sternchen, die nicht mehr als nette Hooks und hübsche Gesichter zu bieten haben. Die 26-jährige Soulsängerin, Songschreiberin und Pianistin wurde bereits für ihre ersten beiden Alben mit Preisen und Lob überhäuft. Im PRINZ-Interview berichtet sie von ihrem Selbstfindungsprozess, Superfrauen und warum sie sich für dieses Album viel Zeit gelassen hat.
FÜR FANS VON: Angie Stone, Erykah Badu, Stevie Wonder, Curtis Mayfield, Wu-Tang Clan, Jimi Hendrix
DIE SUPERFRAU DES SOUL
PRINZ: Seit deinem letzten Studioalbum sind vier Jahre vergangen. Musste das neue Album entsprechend lang reifen?
Keys: Es kommt mir gar nicht so lange vor, weil ich in dieser Zeit viel gearbeitet habe. Ich habe zahlreiche Konzerte gegeben und mich gleich danach auf meine erste Filmrolle gestürzt. Vielleicht sieben oder acht Monate in diesen vier Jahren habe ich für mich selbst genommen. Und ich bin wirklich sehr froh, dass ich mir diese Auszeit geleistet habe. Ich musste das Leben auf eine Weise erfahren, wie ich es noch nie zuvor kennen gelernt hatte. Ich musste mich vervollständigen.
PRINZ: Dein neuer Stil unterscheidet sich recht deutlich von den früheren Alben.
Keys: Ich würde eher von einer Erweiterung meines bisherigen Stils sprechen. Du veränderst dich mit der Zeit, du hoffst, dich zu verbessern. Musikalisch habe ich unglaublich viele neue Dinge kennen gelernt. Aber das Album besitzt dieselbe Intensität, dieselbe Echtheit, dieselbe Ehrlichkeit.
PRINZ: Du biederst dich nicht mit den neuesten Klängen an, die im aktuellen R&B- und HipHop-Bereich vorherrschen, sondern orientierst dich lieber an Vorbildern wie Stevie Wonder oder Curtis Mayfield.
Keys: Das trage ich natürlich in meinem Herzen. Allerdings ist mein musikalischer Hintergrund ausgesprochen vielseitig. Ich habe das Gefühl, dass es mir gelungen ist, alles zu vermengen, was ich liebe. Ich würde mein Album als eine Art Mischung aus Janis Joplin, Aretha Franklin und dem Wu-Tang Clan bezeichnen.
PRINZ: Die meisten Künstler heben gern hervor, dass ihr neuestes Album zugleich ihr persönlichstes Album sei. Du nennst dein Album sogar "As I Am". Was macht es denn persönlicher als deine vorangehenden Alben?
Keys: Ich habe Dinge erlebt, die ich so noch nie zuvor erfahren habe. Und ich denke, dass ich deshalb etwas deutlicher und mutiger geworden bin. Ich bin bereit, diese neue Person zum Ausdruck zu bringen, die ich selbst gerade kennen lerne. Das neue Album ist deshalb so persönlich, weil ich mein bislang schwierigstes Jahr hinter mir habe. Und gerade das machte es zu einem sehr inspirierenden Jahr.
PRINZ: Inwiefern war dieses Jahr so schwierig für dich?
Keys: Ich war so fertig, dass ich das Gefühl hatte, meinen Verstand zu verlieren. Es sind so viele Dinge geschehen, und ich habe so vieles gelernt. Das gilt beispielsweise für die ausgedehnte Tour, die auf mein letztes Album folgte. Einerseits ist es ein Glück, über zwei Jahre hinweg Konzerte geben zu dürfen. Andererseits waren das auch Jahre, in denen ich fast nie zu Hause war. Du wirst permanent gefordert, du gibst, du treibst voran, du singst, zeigst Leidenschaft, schüttest immer wieder dein ganzes Herz aus. Das ist wirklich verzehrend.
PRINZ: Du hast dich verausgabt.
Keys: Ja, das kann man sagen. Ich habe mich verausgabt. Und das Schlimme ist doch: Das schleicht sich ganz langsam heran. Denn zum Start der Tournee fühlst du dich einfach unbesiegbar.
PRINZ: Nicht umsonst hast du einen zentralen Song deines neuen Albums "Superwoman" genannt. Und eine Superfrau steckt so etwas ohne Weiteres weg.
Keys: Ja, so macht das eine Superfrau, die wieder ein wenig auf die richtige Bahn kommen will (lacht). Im vergangenen November bin ich dann endlich nach Hause gekommen. Ich sagte zu mir: "Wow, wenn der Januar kommt, werde ich einen Song schreiben." Der Januar stand in meinen Augen für eine besondere Zeit der Vervollständigung, den Beginn einer neuen Phase.
PRINZ: Bemühst du dabei die Kraft des positiven Denkens? Du fühlst dich mies, sagst dir, dass du eine Superfrau bist, und siehe da: Du bist eine!
Keys: Ich glaube tatsächlich an die Kraft des positiven Denkens und derartige Dinge. Ich bin davon überzeugt, dass sie dein Leben verändern können.
PRINZ: Eine ausgesprochen amerikanische Denkweise.
Keys: Ja, und das ist auch gut so. Das ist eines der wenigen Dinge, die wir gut machen (lacht). In "Superwoman" geht es eigentlich mehr darum, dass du an einem Tiefpunkt angekommen bist. Es geht um die Momente, in denen du dich keineswegs gut oder gar super fühlst. Aber tief in deinem Inneren spürst du dennoch, dass du ein brillanter Mensch bist.
PRINZ: Und du sprichst nicht nur für dich, sondern für jede Frau.
Keys: Zunächst habe ich das Stück nur für mich geschrieben. Das habe ich gebraucht. Ich musste mir selbst sagen, dass es mir gut gehen wird, ganz egal, was geschehen wird. Aber als ich das für mich geklärt habe, wurde mir klar, dass es für jede Frau, jede Mutter, jede Tochter, jede Schwester funktioniert. Es geht nicht darum, berühmt oder reich zu sein. Wir alle sind Menschen, wir alle haben ziemlich ähnliche Erfahrungen gemacht. Jede Frau kann diese Superfrau sein. Auch die Frau, die sich fragt: "Was ist mein Leben wert? Warum gehe ich täglich zu meinem bedeutungslosen Job, mit dem ich kaum meine Rechnungen begleichen kann?" Niemand ist immer nur eine Person.
PRINZ: Hast du ein persönliches Vorbild für deine Superfrau?
Keys: Meine Mutter. Sie war allerdings manchmal etwas zu viel von einer Superfrau. Sie musste lernen, gelegentlich etwas weniger super zu sein. Manchmal sollten wir alle etwas weniger super sein. Hin und wieder sollte man etwas kürzer treten.
Interview: Michael Tschernek
Das neue Album: "AS I AM"
Einen Großteil ihrer Songs schreibt und produziert Keys selbst, aber auch Superfrauen nehmen hin und wieder Hilfe an. Für "As I Am" ließ sie sich unter anderem von Linda Perry, John Mayer und Kerry "Krucial" Brothers unterstützen. Viele Stücke sind tief im frühen Siebziger-Jahre-Soul und Gospel verwurzelt, kommen aber mit härteren Bässen und Beats. Sie experimentiert mit psychedelischen Klängen, zeigt eine Vorliebe für Rock. Bissiger als früher und schön wie immer.
Michael Tschernek
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