Party am Polarkreis
Reykjavík
Ans Schlafen denkt während der langen Sommernächte in Reykjavík keiner. Stattdessen wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen - und keine Wirtschaftskrise.
Aileen Tiedemann
Gemütliche Cafés statt typischen Einheitsläden: Das Stadtzentrum ist bisher - zum Glück - von großen Filialketten verschont geblieben und behielt seinen natürlichen isländischen Charme.
Am Samstag um ein Uhr morgens versucht ganz Reykjavík, Islands Wirtschaft zu retten: mit glasigem Blick und Bier in der Hand. "Wir trinken uns aus der Finanzkrise", ruft Hildur und hält kämpferisch ihren Drink in die Höhe. Seit dem Finanzcrash im vergangenen Oktober hat die Regierung des Inselstaates die Steuern auf Alkohol nochmals angehoben. Weniger getrunken wird deshalb aber nicht, im Gegenteil: "Je mehr wir trinken, desto schneller wird es unserem Land wieder besser gehen", behauptet die 22-jährige Isländerin und lacht. Hildur wartet inmitten einer schwankenden Menschenmasse auf Einlass ins Kaffibarinn (Bergstadastræti 1), einem kleinen, mit rotem Wellblech verkleideten Haus.
Im Inneren der Bar, die dem Blur-Sänger Damon Albarn gehört, ist es so eng und voll, dass man hin- und hergeworfen wird wie auf einem Schiff im Sturm. Auf ihren extrem hohen Absätzen, die hier fast alle Mädchen tragen, versucht Hildur auf der Tanzfläche das Gleichgewicht zu halten. Dann passiert es doch: Beim Tanzen rutschen ihre Füße weg, und sie stürzt mit ihren beiden Freundinnen auf den Boden. Lachend helfen sich die drei gegenseitig wieder auf die Beine. Ihre Kleider sind dreckig und mit Bier getränkt, doch das ist egal. Wie an jedem Wochenende befindet sich Reykjavík im Ausnahmezustand. Vor der Bar geht der Vollrausch weiter: Ein junger Typ mit Schnurrbart hat sich einen Stuhl auf den Rücken geschnallt und läuft auf allen vieren die Partymeile Laugarvegur entlang - beschwipste Mädchen steigen bei ihm auf und lassen sich zur nächsten Bar transportieren.
Im Sommer, wenn man in Island Tag und Nacht kaum voneinander unterscheiden kann, weil es nie richtig dunkel wird, gibt es in Reykjavík keinen Grund zum Schlafen. 116000 Menschen leben in Islands Hauptstadt, das sind gerade einmal so viele wie in Salzgitter. Trotzdem wird hier exzessiver gefeiert als in vielen größeren Städten. Etwa im Prikid (Bankastræti 12), das tagsüber ein ruhiges Café ist und nachts Treffpunkt von Reykjavíks HipHop-Szene. Die Leute tanzen und knutschen hier hemmungslos zwischen Tischen und Stühlen, während durch die Holzlamellen in den Fenstern bereits Tageslicht dringt. Diejenigen, die um fünf Uhr morgens noch nicht genug haben, ziehen weiter zum Hafen. Unter dem graublauen Himmel stillen sie ihren Nachthunger an der Imbissbude Bærjarins Bestu (Tryggvagata), wo es die besten Hot Dogs der Stadt gibt.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welche Naturschönheiten Sie in Reykjavik vom Wasser aus beobachten können und wo Sie kleine Secondhandlädchen mit Avantgarde-Charakter finden.
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jerry, 36 Jahre, 2 Beiträge
15.12.2010 | 14:43
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