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Grossneumarkt

Neue Heimat der schönen Künste


Hamburgs Kreative erschließen sich ein neues Quartier: Immer mehr Galeristen, Kreativhandwerker und Gastronome mit spannenden Konzepten ziehen an den dörflichen Platz gegenüber dem Hamburger Michel

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Grossneumarkt: Kreative entdecken mehr als die Currywurst


"Ein Platz im Hafenviertel: windig, schmutzig, kopfsteingepflastert. Ein paar borstige Bäume stehen auf dem Platz ... Im Westen graugrün die verglaste Fassade einer Versicherungsgesellschaft und dahinter die Michaeliskirche, deren Turm nachmittags einen Schatten auf den Platz wirft. In der Brüderstraße wohnte eine Tante von mir, die ich als Kind oft besuchte, allerdings heimlich. Mein Vater hatte es mir verboten. Klein-Moskau wurde die Gegend genannt, und der Kiez war nicht weit." Der Großneumarkt, so karg wie poetisch von Uwe Timm in seiner Novelle (zurzeit auch im Kino) "Die Entdeckung der Currywurst" beschrieben.

Am Anfang der Wexstraße gibt es diesen einen Punkt, von dem aus man beide sieht: Links ragt der Michel in den Himmel, zu seinen Füßen das trubelige Portugiesenviertel, rechter Hand wacht der Fernsehturm über das beliebte Karolinenviertel. Und dort, wo der Betrachter steht? Ein beschauliches Quartier, nahe an Kiez, Hafen und Innenstadt, das bald Hamburgs Lieblingsviertel auf die Plätze verweisen könnte. Auf den ersten Blick scheint hier nichts aufregend: Um den Platz gruppieren sich Restaurants und Bars, viele davon straft der verwöhnte Großstädter schmallippig mit den Wertungen "Göttingen", zumindest aber "vor zwanzig Jahren". Hip ist es nicht, auch nicht wirklich chic, sondern herzlich.

"Bei uns ist es wie in einem Dorf", beschreibt Marco Leyrer, Kellner im "Thämers" das Lebensgefühl. "Wir sind das Dorf in der Stadt, wir haben alle eine offene Tür", erzählt Ulrike Klug, Inhaberin der Galerie und Agentur Kulturreich. Dorf. Beide meinen es positiv. Für sie wie für die meisten Menschen hier birgt das Wort nicht nur kleinbürgerliche Dissonanzen in sich, sondern es schwingt in ihm der gute Ton des Vertrauten mit.

Der Großneumarkt hat in seiner Historie viel gesehen: Bis zum Zweiten Weltkrieg lebte in den schmalen Gassen des Quartiers eine polyglotte und gebildete Gesellschaft (hier war auch Hamburgs erste Leihbücherei), orgelte Johannes Brahms auf dem Platz, kamen Denker zu Machern. Vom großen Brand und den Bombardements des Krieges wurde das Quartier weitestgehend verschont, vor architektonischen Sünden unglücklicherweise nicht. Trotzdem entwickelte sich in den Nachkriegsjahren eine eigene Szene. Der Cotton Club und der späte Star-Club lockten Musikliebhaber, die zusammen mit der Gaygemeinschaft zu einer heterogenen Ausgehszene verschmolzen, die bis in die Achtziger lebendig blieb.
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